Ruth Priese
Ruth Priese     Körper- und systemisch orientierte Begleitung von kleinen und grossen Menschen

                                                        AUSGEWÄHLTE EIGENE TEXTE



Zur Präimplantationsdiagnostik


Ruth Priese
12555 Berlin
Hämmerlingstr. 95
Tel. 030-6574230
www.ruthpriese.de                                                                                                 Berlin, 21.April 2011

An die Abgeordneten des
Deutschen Bundestages
Platz der Republik 1
11011 Berlin


Offener Brief zur anstehenden Entscheidung zur Präimplantationsdiagnostik


Sehr geehrte Damen und Herren MandatsträgerInnen des Deutschen Volkes im Deutschen Bundestag,
für die Art und Weise sowie die Atmosphäre Ihrer Debatte zur o.g. Problematik am Donnerstag, den 14.4.2011 danke ich Ihnen hiermit von Herzen. Damit haben Sie dem Gewicht der anstehenden Entscheidung m. E. in vorbildlicher Weise Rechnung getragen.
Bitte erlauben Sie mir dennoch, Ihnen einige Aspekte darzulegen, die mir an diesem Tag nicht genügend beleuchtet gewesen zu sein scheinen:
1.) fast durchgehend wurde als Begründung für eine begrenzte Zulassung der PID das Leid von Paaren angeführt, die nach schwersten Erfahrungen den Wunsch nach einem gesunden Kind haben. Solche Situationen wurden von Ihnen in unterschiedlichen Formulierungen beschrieben bis hin zu der von Herrn Dr. Steinmeier, es handele sich bei diesen Paaren um „äußerste Seelennot.
Ohne den Respekt vor dem Leid dieser Paare auf irgendeine Weise zu mindern, frage ich doch: ist ein solcher Ausdruck für den Zustand eines immens starken Wunsches angesichts anderer Leiden ---- wohl zutreffend? Ich hätte mir mehr Nüchternheit in der Schilderung dieser realen Situationen einiger Familien im Rahmen des Koordinatensystems von viel anderer Not gewünscht (z. B. der Not  vieler tatsächlich alkohol- und nikotingeschädigter Kinder in unserer Gesellschaft): Es sind Situationen, in denen sich Paare anerkanntermaßen in einer schwer zu ertragenden Lage befinden. Aber der Wunsch nach einem gesunden Kind ist und bleibt ein Wunsch. Einen solchen als „äußerste Seelennot“ zu bezeichnen, fördert gesellschaftlich eine unrealistische Haltung, aus der heraus immer mehr Menschen immer öfter meinen, sie hätten ein Recht auf die Erfüllung aller ihrer Wünsche. Das scheint mir eine fatale gesellschaftliche Entwicklung.
Wenn ein Paar genetisch so belastet ist, dass es schon mehrere Tot- oder Fehlgeburten erleiden musste oder ein bzw. mehrere behinderte Kinder hat, dann war es bisher die naheliegendste Möglichkeit, zu diesem schweren „Schicksal“ zu stehen und ein Kind zu adoptieren (ein solches schönes Beispiel habe ich persönlich vor Augen). In für mich überraschender Weise hat von den vielen RednerInnen dieser Debatte am 14.4. allein Herr Dr. Seifert diese Möglichkeit ausgesprochen. (Außerdem: in vergangenen Epochen der Menschheitsgeschichte hatten bekanntlich nicht immer alle Mitglieder einer Gesellschaft das Recht, Kinder in die Welt zu setzen---)
So frage ich mich, welche nicht ausgesprochenen Gründe gab es möglicherweise, die viele von Ihnen bewogen, das Schicksal dieser relativ kleinen Gruppe von Menschen so vehement in den Vordergrund zu stellen und deren Wünsche nicht zu hinterfragen?
2.) In keinem einzigen Redebeitrag fand ich eine mutige Auseinandersetzung mit den Interessen der WissenschaftlerInnen und ReproduktionsmedizinerInnen an der Legitimierung dieses Verfahrens (Schließlich war es ein Arzt, nicht ein betroffenes Paar - , dessen Selbstanklage im Juli 2010 zu dem bekannten Urteil des Bundesgerichtshofes geführt hatte.). Allein Dr. Krings sprach am Ende seiner Rede seine Befürchtung im Blick auf eine Zulassung der PID aus, „dass die Begehrlichkeiten aus der wissenschaftlichen Forschung, ja selbst aus der Wirtschaft stark anwachsen werden“.
Zu der von Dr. Petra Sitte so formulierten Frage: „Hat der Embryo im Reagenzglas einen höheren Lebensschutz als nach der Einnistung?“  hatte zuvor Dr. Krings bereits eindeutig Stellung bezogen: Natürlich ist der Embryo in der Petrischale den Begehrlichkeiten der ForscherInnen und des Marktes viel schutzloser ausgeliefert als der im Mutterleib eingenistete. Das Schicksal des Letzteren ist ja wenigstens „nur“ von der mütterlichen Entscheidung abhängig. 
Wir befinden uns bekanntlich nicht erst durch Fukushima im Prozess der wachsenden Einsicht, dass eben gerade nicht alles, was wir wissen und zu wissen begehren, auch angewendet werden kann, wenn der Erhalt der Erde für die kommenden Generationen oberste Richtschnur gemeinschaftlichen Handelns bleiben oder werden soll. Der ethisch nicht eingebundene Wissensdurst und E h r g e i z „naturwissenschaftlicher“ ForscherInnen ist m. E. ebenso eine tragische Folge unserer abendländischen Trennung von „Mater“- ie und „Geist“ wie der immer noch weitgehend legitim scheinende Profithunger der Wirtschaft. Beides gehört m. E. dringend auf den Prüfstand. Vielleicht ist ja die Ihnen als Parlament  mehr oder weniger aufgezwungene PID-Debatte eine gute Gelegenheit dazu?
Wir befinden uns m. E. in einer Neubewertung eines bisher geltenden Konsenses, Paradigmas (?), dem „Fortschritt“ dienen zu müssen. Aber es könnte ja neben dem nun diskutierten Atomausstieg auch andere gesellschaftlich notwendige Rückwärtsbewegungen geben. Mich hat z. B. die Nachricht erfreut, dass - laut Frank Patalong in Spiegel – Online - in Australien eine bis 2005 erlaubte Geschlechtsauswahl durch PID durch den Gesetzgeber wieder rückgängig gemacht wurde. Wir müssen offenbar manchmal auch gesellschaftliche Irrwege gehen, um zu wirklich nachhaltigen gesellschaftlichen Entscheidungen zu kommen.
Es geht m. E. nicht um eine „höherwertige“ oder „minderwertige“  ethische Entscheidung, also um kein Wetteifern in besserer oder schlechterer Moral, sondern allein um das Ringen darum, was Verantwortung für unsere Kinder und Enkelkinder bedeutet
3.) Auch die Fragen nach den Ursachen von (zunehmender?) menschlicher Unfruchtbarkeit, von Gendefekten sowie von vermehrten Tot-, Fehl- und Frühgeburten wurden in der Debatte nicht erörtert. Dabei sind vielfältige Wirkungen hormonaktiver Substanzen in Umwelt und Industrieprodukten vermutlich bestens bekannt. Ob allerdings mögliche psychosoziale Ursachen für diese Entwicklungen genügend gekannt, bedacht und gegenüber den genannten Begehrlichkeiten zu Bedenken gegeben werden, wage ich zu bezweifeln. Frauen stehen heute bei uns auch unter dem Druck einer weitgehend einseitig berufs-leistungsbezogenen Werteordnung. Wer ermöglicht den Paaren die alte Muße, geduldig auf eine Schwangerschaft zu warten
Warum muss die Gesetzgebung in Sachen PID unbedingt der bestehenden Rechtslage angepasst werden, wie es die Frau Justizministerin in der Debatte so eindringlich forderte? Gäbe es nicht auch die andere Möglichkeit, nämlich die, dass die bisherige Gesetzgebung – vor allem in Bezug auf die Zulassung von Spätabtreibungen - neu überdacht wird?

Mit erneutem Dank für Ihr Engagement und den besten Wünschen
Ruth Priese


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